Standortberatung der Wirtschaftskammer Wien
Experteninterview mit Andreas Dillinger, dem Standortanwalt von Wien und Leiter der Abteilung Standort- und Verkehrsservice der Wirtschaftskammer Wien (WKW).
WIGeoGIS-Expertengespräch zur Standortattraktivität von Städten
Was macht einen attraktiven Wirtschaftsstandort aus – und wie können Daten, Standortanalysen und Künstliche Intelligenz dazu beitragen, Städte im internationalen Wettbewerb besser zu positionieren? Der Wiener Standortanwalt beschäftigt sich mit der Sicherung und Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandorts Wien und unterstützt unter anderem standortrelevante Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte.
Im Experteninterview mit WIGeoGIS erläutert er am Beispiel Wien unter anderem folgende Fragen:
- Welche Faktoren bestimmen die Standortattraktivität von Städten?
- Welche Rolle spielen KI, Daten und Standortanalytik für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Wirtschaftsstandorten?
- Wie können Geodaten und GIS-Lösungen Stadtentwicklung, lokalen Handel und Dienstleistungen unterstützen?
- Zur Person
- Was sind Ihre Aufgaben als Wiener Standortanwalt?
- Wie unterstützen Sie Projektwerber bei UVP-Verfahren konkret?
- Um welche Projekte geht es?
- Welche Faktoren machen einen Wirtschaftsstandort attraktiv?
- Was bedeutet es für die Standortattraktivität, dass Wiens Bevölkerung weiterwächst?
- Was macht einen relevanten KI-Standort aus?
- Wo sehen Sie das Potenzial einer professionellen Standortanalytik?
- Wie hängen Standortziele und stationärer Handel und Dienstleistungen zusammen?
- Wie sehr beschäftigen Sie die Entwicklungen im Onlinehandel?
- Mehr Infos
- Kontakt
Zur Person: Andreas Dillinger
DI Dr. Andreas Dillinger ist Standortanwalt für Wien und Leiter des Standort- und Verkehrsservices der Wirtschaftskammer Wien (WKW). Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Standortentwicklung, Verkehr und Infrastruktur. Weiters ist er Aufsichtsratsmitglied des Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) und des Wohnfonds Wien. Dillinger hat Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien studiert.
Sie sind Wiens Standortanwalt. Was sind in dieser Funktion Ihre Aufgaben?
In jedem Bundesland gibt es einen Standortanwalt. Die Standortanwälte gehören zu den Landeskammern der Wirtschaftskammer, so auch in Wien. Konkret werden Standortanwälte in UVP-Verfahren, also bei Umweltverträglichkeitsprüfungen, tätig. Sie helfen dem Projektwerber, sofern er es wünscht, mit Argumenten für sein Projekt. Hintergrund ist die Standortsicherung, also die Wirtschaft am jeweiligen Standort zu stärken – in unserem Fall von Wien. Juristische Basis für die Tätigkeit der Standortanwälte ist das bundesweite Standortsicherungsgesetz.
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Wie sieht die Unterstützung der Projektwerber bei UVP-Verfahren konkret aus?
Wir sehen uns Investitions- und Betriebskosten eines Projekts an und berechnen die volkswirtschaftlichen Effekte, etwa die Brutto-Regionalwertschöpfung, Arbeitsplatzeffekte und erwartete Abgaben und Steuern. Dabei gehen wir nach einem zertifizierten und österreichweit standardisierten Berechnungsverfahren vor. Die Ergebnisse bringen wir bei Gericht als Stellungnahme ein. Dieses Angebot wird gut angenommen und kommt auch bei der Richterschaft recht gut an.
Um welche Projekte geht es da beispielsweise?
Es geht vor allem um große standortrelevante Projekte mit volkswirtschaftlichem Mehrwert, also zum Beispiel um den Infrastruktur-Ausbau, große Betriebsanlagen, Wohnbau- oder Bahnprojekte. Oft werde ich auch schon im Vorfeld der UVP hinzugezogen. Ich werde aber nicht nur bei UVP-pflichtigen Projekten aktiv, sondern häufig auch in Bereichen wie Schulbau und Bildung. Als Standortanwalt bin ich die Verbindung zwischen Wirtschaft und Stadt. In Wien bekommt der Standortanwalt auch einen privilegierten Zugang zu den Magistratsabteilungen, um wichtige Projekte voranzutreiben und ihren volkswirtschaftlichen Mehrwert darzustellen.
Sie unterstützen Wien im Standortwettbewerb mit anderen Städten. Was sind die wichtigsten Faktoren, die einen Wirtschaftsstandort attraktiv machen?
Da gibt es viele. Zunächst ist eine zentrale Lage wichtig – Stichwort Flughafen und internationale Anbindung. Insbesondere CEOs und hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen möchten in Städten leben, wo ihre Partner oder Partnerinnen einen Job finden und es gute Schulen für ihre Kinder gibt. Lebensqualität und Sicherheit spielen eine große Rolle. Da hat Wien einiges zu bieten. Wir haben auch einen hohen Anteil an Headquarters. Aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen und müssen aufpassen, das nicht zu verlieren. Besonders im öffentlichen Bildungssystem haben wir großen Handlungsbedarf.
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Was bedeutet es für die Standortattraktivität, dass Wiens Bevölkerung weiterwächst?
Zwar wird der Wohnbau vorangetrieben, aber nicht zu unterschätzen ist auch die Förderung von Betriebsgebieten und -flächen, wo wir Aufholbedarf haben. Grundsätzlich müssen wir in die Sanierung von Bestands-Infrastruktur investieren, also etwa in Brücken. Große Themen sind weiters die Bahninfrastruktur, Straßensanierungen, die Kanal- und Wasserversorgung. Hier müssen wir unsere Hausaufgaben machen, um etwa mit Bratislava zu konkurrieren. Und was mich aktuell besonders stark beschäftigt, ist Künstliche Intelligenz.
Wo will der Standort Wien in Sachen KI hin?
Unser Ziel ist es, internationale Investoren anzuziehen, für die KI eine wichtige Rolle spielt. Derzeit tun sich eher Städte wie Hamburg, München oder Paris positiv hervor, Wien leider noch nicht. Wir haben eine gute Basisinfrastruktur und innovative Unternehmen, aber wenig, was einen internationalen Investor im Bereich KI anziehen würde. Mein Auftrag als Standortanwalt ist, gemeinsam mit der Stadt Wien Projekte zu initiieren und Netzwerke aufzubauen, um hier Sichtbarkeit zu erzeugen – eine Mammutaufgabe.
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Was ist nötig, um ein relevanter KI-Standort zu sein?
Zunächst stellt sich die Frage, mit welchen Städten wir uns matchen wollen. Es macht einen Unterschied, ob wir uns mit Bratislava messen, innerhalb europäischer Regionen hervorstechen oder uns am internationalen Parkett bewegen möchten. Allgemein lässt sich sagen, dass wir im Bildungsbereich, beim Infrastrukturausbau, beim Internet, der IT-Infrastruktur, bei Rechenzentren, aber auch bei Datensouveränität und -sicherheit gefragt sind. Wenn große indische, chinesische oder amerikanische Investoren die Europakarte aufschlagen, soll Wien in Zukunft hell blinken. Außerdem könnten wir viel mehr von Daten wie etwa Energiedaten oder Verkehrsdaten profitieren.
Wo sehen Sie das Potenzial in der Daten- und Informationsauswertung, also in einer professionellen Standortanalytik?
Es geht darum, die Daten besser zu nutzen und auszuwerten und so einen Mehrwert zu schaffen. Wir haben eigentlich viele Daten: jene, die uns seitens der Stadt Wien zur Verfügung stehen, solche, die wir von WIGeoGIS bekommen und unsere WKW-internen Daten. Wir bereiten Daten systematisch auf und machen sie GIS-tauglich. Das ist kein Hexenwerk, aber ein Aufwand und es kostet Geld. Wir haben diesen Weg mit unserer digitalen Landkarte ecoGIS, die auf Software WIGeoWeb von WIGeoGIS aufbaut, bereits ein Stückweit beschritten. Aber da steckt noch viel mehr Potenzial drin. Wir können die Services für unsere Mitglieder noch treffsicherer machen. Wir wissen gar nicht wirklich, was noch möglich ist, wenn wir Daten klug miteinander kombinieren.
Sie sind auch Leiter des Standort- und Verkehrsservices der WKW. Die Abteilung berät und unterstützt vor allem Wiens KMU in Standortfragen – und nutzt dafür WIGeoGIS-Software. Wie hängen Standortziele und stationärer Handel und Dienstleistungen zusammen?
Der lokale Handel, Restaurants etc. tragen entscheidend zur Standortattraktivität bei. Einkaufen ist an vielen Ecken Wiens sehr schön. Aber wir dürfen die Kaufkraft der Menschen nicht aus den Augen verlieren. Wenn die Mantelbevölkerung, also jene Personen, die in einer Gegend einkaufen, nicht genug Einkommen haben, kann eine Straße noch so schön sein – die Geschäfte werden nicht florieren. Ich sehe einen Schlüssel in hochqualifizierten Arbeitskräften sowie in sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Haben die Menschen gute Einkommen, geben sie das Geld auch aus. Das sind komplexe Themen in einer Stadt wie Wien, wo die Arbeitslosigkeit tendenziell sehr hoch ist und wir gleichzeitig Fachkräfte suchen.
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Wie sehr beschäftigen Sie die Entwicklungen im Onlinehandel und die Auswirkungen auf stationäre Angebote?
Der Distanzhandel ist mittlerweile Lebensrealität der Menschen und gekommen, um zu bleiben – niemand möchte mehr darauf verzichten. Wir müssen adäquat darauf reagieren, auch wenn sich unser Steuer- und Sozialsystem damit schwertut. Weder hilft es, diese Entwicklungen zu verteufeln noch sie zu ignorieren.
Und was bedeutet das für eine Stadt wie Wien konkret?
Es gibt einige ungelöste Probleme, etwa rund um die Paketlogistik, wo wir eine Lösung für die Kartons finden müssen, die tonnenweise weggeworfen werden. Wir können entscheiden, ob wir abends noch außer Haus und einkaufen gehen oder online bestellen. Natürlich ist der Onlinehandel sehr komfortabel. Wenn wir die Menschen motivieren möchten rauszugehen, müssen wir einen im besten Sinn authentischen Erlebnisraum und eine schöne Aufenthaltsqualität schaffen. Damit meine ich nicht das gekühlte Einkaufszentrum mit Walt-Disney-Flair. Das Einkaufsangebot muss vom Branchenmix her passen, es muss Gastronomie, Events und städtisches Leben geben. Datenanalysen, wie sie mit WIGeoWeb möglich sind, unterstützen uns dabei, die zukunftsfähigsten Lösungen zu finden.
Vielen Dank für das Gespräch.
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